9. Neue Chance

1965 bis 1975
1965 bis 1975

In der Schweiz war 1969 die elektronische Heimorgel noch wenig bekannt. Es fehlte an Unterrichtsliteratur und qualifizierten Lehrkräften. Eindeutig eine Marktlücke in Bezug auf den Verkauf und den Unterricht. Die Klavierbaufirma Schmidt-Flohr AG in Bern gelangte an Toni, ob er bereit wäre, als freier Mitarbeiter (und späterer Angestellter) eine Orgelabteilung aufzubauen. Zum Aufgabenbereich zählten: Orgeldemonstrationen und -verkauf sowie Unterricht.

 

Toni begann am 1.1.69. Dies bot ihm wieder eine Chance, sein Wissen und Können als Allroundmusiker einzusetzen. Der Erfolg stellte sich überraschend schnell ein, da er als Komponist und Arrangeur amüsante Unterrichts- und Spielliteratur für jeden Schwierigkeitsgrad schreiben konnte. So kam es, dass 1970 die Zahl seiner Orgelschüler bereits auf 50 stieg und er junge Lehrkräfte ausbilden musste (die heute mehrheitlich noch eigene Orgelschulen leiten). Er führte mehrere öffentliche Schülerkonzerte durch.

 

Mit seinen Bearbeitungen und Kompositionen wurde ein eigener Musikverlag und Orgelclub gegründet. Noch nicht genug! Der Bedarf an solcher Literatur war gross. Etwa 300 von seinen Bearbeitungen wurden von Verlegern im In- und Ausland gedruckt und in Alben herausgegeben. Bis 1990 wurden trotz der grossen internationalen Konkurrenz bereits 100'000 Orgelalben verkauft.

 

Bald wurde Toni gezwungen, für angemeldete Orgelschüler eine Warteliste zu erstellen. Zuletzt unterrichteten fünf Lehrkräfte in fünf Orgelstudios; eines davon war sogar in Thun. Nun hatte Toni wieder eine neue Existenz als Musiker. Es war eine schöne Aufgabe zu demonstrieren, dass man mit einer guten Heimorgel auch gute Musik machen kann. Meine Eltern blickten wieder vertrauensvoll in die Zukunft. Inzwischen war auch klar abzusehen, welche Berufe wir Söhne auswählten:

  • Toni (1946): Fachfotograf, dipl. Kaufmann und Fachlehrer
  • Hanspeter (1948): Ingenieur ETH
  • Walter (1949): Architekt HTL
  • Niklaus (1951): Bankangestellter
  • Martin (1955): Architekt HTL

1974 feierte die weltbekannte Klavierbaufirma Schmidt-Flohr AG ihr 140jähriges Jubiläum. Während des Festessens flüsterte ein Tischnachbar Toni ins Ohr: "Wissen Sie, dass die Klavierproduktion in den roten Zahlen steckt?". Sofort erkannte Toni die Tragweite dieser unheilvollen Äusserung: das Fundament der gesamten Unternehmung wackelte. Noch im gleichen Jahr verliess er das sinkende Schiff, das wenig später liquidiert wurde.

 

Toni steht wieder einmal vor einem existentiellen Problem: soll er privat weiter unterrichten? Doch sein Vertrauen in den Musikerberuf war endgültig am Boden. So bewarb er sich auf eine ausgeschriebene Stelle in der Verwaltung des Kantons Bern (Fischereiinspektorat). Im Gegensatz zur früheren Anstellung in der Stadtverwaltung war dieser Job harte Arbeit. Personalmangel in der damals selbsttragenden Fischerei brachte eine enorme Überbelastung für den Inspektor und ihn. Die Sekretariatsarbeiten waren jedoch sehr abwechslungsreich.

 

Tröstlich war auch das sonnige, rauchfreie Einzelbüro in der Berner Altstadt, an der Herrengasse, wo in alten Zeiten die Adeligen wohnten. Kein Verkehrslärm störte. Die grossartige Fernsicht vom 300jährigen Holzbalkon auf die Berner Alpen genoss er oft über die Mittagszeit.

 

Wegen der ständigen Überbelastung erlitt der Fischereiinspektor einen Herzinfarkt und Toni sorgte mit einem Kreislaufkollaps für Aufregung. Darauf reduzierte er für die letzten 5 Jahre freiwillig sein Arbeitspensum auf 50%. So konnte er diese Tätigkeit bis zu seiner Pensionierung 1988 ausüben.